home
»Sie sind hier...«
»Meinen allerersten...«
»Draußen überschlugen sich...«
Projekt 205
Fundus
Veranst./Berichte
Über den Autor

Zum Verlagsshop

Leseprobe 3 aus: Rüdiger Fuchs, Genosse Matrose!

[...] Draußen überschlugen sich die Ereignisse und in der Werft, hinter den Mauern des Betriebsgeländes nahm alles weiter seinen sozialistischen Schneckengang. Wenigstens durften wir uns einmal richtig nützlich machen. Regelmäßig hatten wir vom Kommandanten "vernünftige Arbeit" gefordert, jetzt war es soweit. Im Ort sollte ein Weg mit Lichtmasten bestückt werden, der Stadtverwaltung mangelte es an Kräften, den Kabelgraben auszuheben, so konnten wir einspringen. Wahrscheinlich geisterte das Vorhaben seit Jahrfünften von Plan zu Plan. Nun liefen die Arbeiter in Scharen dem Arbeiterstaat davon. Innerhalb von drei Tagen schachteten wir den Graben aus, eine willkommene Abwechslung. Der Gehweg führte an einem Schulkomplex vorbei, einige Dritt- und Viertkläßler unterhielten sich mit uns, wir brachten ihnen Zwieback und Kekse aus der Kaufhalle mit. Wenn wir am Abend auf das Schiff zurückkehrten, vermeldeten die Nachrichtensendungen die neuesten Rücktritte, am 8. verabschiedete sich fast das komplette Politbüro und als wir uns am 9. nach Dienstschluß, mit den Erdarbeiten fertig, im Bewußtsein eine kleine gute Tat vollbracht zu haben, an Bord ausruhten, sickerte die Kunde von Schabowskis neuester Reiseregelung durch.
   Daß die Massen nach Mitternacht über die offene Grenze geströmt, die Mauer auf einen Schlag durchlässig geworden war, erfuhren wir allerdings erst anderntags. Es war uns seit den Oktoberereignissen zur Gewohnheit geworden, mit dem Kofferradio abwechselnd Ost- und Westrundfunk zu hören. Und am 10. November existierte keine andere Nachricht, keine weitere Schlagzeile, als die der Öffnung der Staatsgrenze. Für Zehntausende, die unablässig nach Westberlin pilgerten, ihre Arbeitsplätze in den Betrieben einfach warten ließen, wurde ein Traum Wirklichkeit und wir saßen hier in Bordblau unsere Tage ab! Wir waren ausgeschlossen vom Taumel der Deutschen, die sich in den Armen lagen. Mein Jubel über die aufgebrochene Grenze hielt sich also noch in Grenzen, aber ein Stück Beklemmung und Furcht fiel doch von mir ab.
   Es trudelten recht bald Ansichtskarten von ehemaligen Besatzungs-mitgliedern, die ihre neue Reisefreiheit ausprobierten, ein. Zabel, der mir, seit er Ende August entlassen wurde, ab und an auch einen Brief geschrieben hatte, um sich nach der "Situation an Bord" und dem Gelingen des Maschinenwechsels zu erkundigen, schickte als erster eine Karte aus Westberlin, Kudamm und Gedächtniskirche darauf. Wir brauchten allerdings nicht lange Zeit neidisch sein, wenige Tage später hieß es in der "Stimme der DDR", daß ab sofort auch NVA-Angehörige ins kapitalistische Ausland reisen dürften. Um uns den entsprechenden Befehl des Ministers vorzulesen, durfte eigens der Leiter der Politischen Abteilung unserer Brigade, Fregattenkapitän Duwe in das Kreisstädtchen Wolgast anreisen. Er hielt Appell auf der Back ab und verkündete die Einzelheiten der einschneidenden Veränderung mit dem gleichen kraftlosen Organ, mit dem er zuvor jahrein jahraus Kampf-Parolen des sozialistischen Wettbewerbs und der "Bestenbewegung" hervorgenuschelt hatte. Sein fischiges Politoffiziersmaul schnappte ungerührt auf und zu, entließ eine Sensationsmeldung nach der anderen, die vor ein paar Wochen umstürzlerische, konterrevolutionäre Forderungen gewesen wären, die einen Soldaten geradewegs nach Schwedt befördert hätten: Jeder Armeeangehörige wäre berechtigt, seinen Personalausweis auf dem VPKA abzuholen, einen Reisepaß zu beantragen. Das Visum für die Besuchsreise nach Westdeutschland erteilte man sofort. In Urlaub und Ausgang bestünde keine Uniformpflicht mehr. [...]

 
©  BS-Verlag Rostock